{"id":1880,"date":"2013-05-29T12:28:02","date_gmt":"2013-05-29T11:28:02","guid":{"rendered":"http:\/\/headingeast.de\/?p=1880"},"modified":"2013-05-30T08:29:09","modified_gmt":"2013-05-30T07:29:09","slug":"welcome-to-iran","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/headingeast.de\/de\/welcome-to-iran\/","title":{"rendered":"Willkommen im Iran"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><span style=\"color: #808080;\"><span style=\"color: #333333;\">If travelling is most rewarding when it surprises, then Iran might be the most rewarding destination on earth.<\/span> <span style=\"color: #c0c0c0;\">\u2013 Andrew Burke<\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">In meinem Visa-Antrag hatte ich den Grenz\u00fcbergang Bazargan angegeben, doch da das Wetter mal wieder nach Regen aussah, entschied ich mich den k\u00fcrzesten Weg von Van (T\u00fcrkei) nach Tabriz (Iran) zu nehmen. Ich hatte keine Ahnung, ob die Angaben im Visa-Antrag irgendwo gespeichert wurden und von Relevanz waren. Im schlimmsten Fall w\u00fcrde ich wahrscheinlich an der Iranischen Grenze abgewiesen, m\u00fcsste erneut in die T\u00fcrkei einreisen und einen mehrst\u00fcndigen Umweg nach Bazargan nehmen \u2013 aber ich lie\u00df es mal darauf ankommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erreichte die Grenze gegen Mittag und wie so oft in den letzten Tagen regnete es. Die Ausreise aus der T\u00fcrkei verlief problemlos. Dann ging es auf die iranische Seite. Um in einige L\u00e4nder mit dem eigenen Fahrzeug einzureisen, bedarf es eines &#8222;Carnet de Passages&#8220;, ein Dokument, welches verbrieft, dass das Fahrzeug nur tempor\u00e4r eingef\u00fchrt wird und somit keine Einfuhrz\u00f6lle erhoben werden. In Deutschland wird das Carnet durch den deutschen Automobilclub ADAC ausgestellt und muss mit Bankb\u00fcrgschaft oder Bargeldhinterlegung abgesichert werden. Sollte das Dokument nicht ordnungsgem\u00e4\u00df bei Ein- und Ausreise gestempelt werden, kann es kompliziert werden. In einigen L\u00e4ndern w\u00fcrden Einfuhrz\u00f6lle von mehr als 100% des Fahrzeugwertes f\u00e4llig. F\u00fcr die Einreise in den Iran ist das Carnet de Passages ebenfalls unabdinglich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch zuerst einmal ging es zur Migration. Der Grenzbeamte begutachtete meinen Pass und fragte mich mehrfach, wo ich herkomme. Der Pass w\u00fcrde gedreht und gewendet, das Visum sorgsam inspiziert und auf meine Nachfrage, ob es ein Problem g\u00e4be, wurde mir nur mitgeteilt &#8222;Please, sit down Sir!&#8220;. Erst sp\u00e4ter kl\u00e4rten sich f\u00fcr mich einige Fragen. Mitte Juni stehen im Iran Wahlen an. Die Amtszeit von Ahmadinedschad geht damit zu Ende und ein neuer Pr\u00e4sident wird gew\u00e4hlt werden. Aufgrund der Wahlen in diesem Jahr, ist es offensichtlich auch erheblich schwieriger, ein Visum f\u00fcr die Einreise zu erhalten. Lucky me, I got one !<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Letztlich waren auch die Grenzposten zufrieden mit meinen Dokumenten, ich bekam den Einreisestempel, musste eine Versicherung f\u00fcr das Motorrad abschlie\u00dfen und auch mein Carnet wurde gezeichnet und gestempelt \u2013 allerdings in Farsi und somit hatte ich keine Ahnung, was auf den Dokumenten vermerkt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Abend erreichte ich dann Tabriz, eine Stadt mit mehr 1,5 Mio. Einwohnern. Auf meinem Weg fragte ich mich, wie ich Farshid, bei dem ich \u00fcbernachten wollte, eigentlich finden sollte. Er bat mich, ihn anzurufen, wenn ich in der Stadt sei, doch internationale SIM-Karten funktionieren im Iran nicht und ich hatte noch keine Ahnung, wo ich eine lokale Karte kaufen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also signalisierte ich einem Moped-Fahrer im Strassenverkehr, dass ich kurz mit ihm reden wollte. Er sprach zwar kein Englisch, war jedoch sofort dabei, jemanden zu suchen, der der Sprache m\u00e4chtig war. Kurz darauf kam er erfolgreich zur\u00fcck und mittlerweile boten weitere Iraner, welche am Strassenrand von mir Kenntnis genommen hatten, ihre Hilfe an. Ich fragte, ob jemand Farshid anrufen k\u00f6nnte, um ihm mitzuteilen, dass ich in der Stadt sei und um zu fragen, wohin ich fahren sollte. Die Antwort kam prompt. Ich solle warten, Farshid k\u00e4me mich in 30 Minuten abholen. Ich war beeindruckt. In der Zwischenzeit wurde mir Tee angeboten und man stellte mir die halbe Familie inklusiver Freunde vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Farshid auftauchte, bedankte ich mich f\u00fcr die Hilfe, es wurden ein paar Fotos gemacht und ich folgte ihm und seinem Freund Amir durch die City. Mit seiner Unterst\u00fctzung besorgte ich mir noch am gleichen Abend eine locale SIM Karte, wobei ich auch den Namen meines Vaters im Vertrag erw\u00e4hnen musste. Am Ende musste der Antrag mit Unterschrift und Fingerabdr\u00fccken besiegelt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem Fahrshid sein Gesch\u00e4ft sp\u00e4t abends geschlossen hatte, fuhren wir zu ihm nach Hause. Gegen Mitternacht wurde H\u00fchnchen gegrillt und wir sprachen \u00fcber das Leben im Iran, die Politik der Regierung, die Schwierigkeiten im Alltag, Auswirkungen der Sanktionen und dar\u00fcber, welche Wege eine Generation findet, die weder mit den Machenschaften einer fundamental islamistischen Regierung \u00fcbereinstimmt, noch sich mit den auferlegten Richtlinien und Gesetzen zu identifizieren vermag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen 3:00 Uhr morgens entschied ich mich, auch den folgenden Tag in Tabriz zu bleiben. Amir bot mir an, sich weitestgehend frei zu halten und mir die Stadt zu zeigen und ich durfte erleben, was es hei\u00dft, als junger Mensch im Iran aufzuwachsen. Offiziell ist es nicht gestattet, dass unverheiratete M\u00e4nner und Frauen \u00f6ffentlich &#8222;H\u00e4ndchen halten&#8220;, gemeinsam Caf\u00e9 trinken oder ins Kino gehen. In Shopping Malls werden Durchsagen gemacht, welche die Frauen darauf hinweisen, ihre Haare unter dem Kopftuch zu verbergen. All das kam mir zeitweise vor wie ein Science Fiction Film, bei dem eine Institution versucht, das Leben der Menschen im Detail zu kontrollieren &#8230; Bedauerlicherweise ist dies Wirklichkeit im 21. Jahrhundert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die Menschen im Iran sind aufgeschlossen und riskieren zeitweise von der Polizei aufgegriffen zu werden. Frauen tragen weit zur\u00fcckgebundene modische Kopft\u00fccher, benutzen Make-Up und zeigen sich in modernen Jeans unter dem nach wie vor vorgeschriebenem Tschador. Die Mehrheit im Land steht nicht daf\u00fcr ein, was Ahmadinedschad der Welt gegen\u00fcber pr\u00e4sentiert. Doch Mahmud Ahmadinedschad ist nur der Rep\u00e4sentant des islamischen Staates. Die tats\u00e4chliche Macht liegt in den H\u00e4nden von Ali Chamene\u2019i, politischer und religi\u00f6ser F\u00fchrer des Iran und Nachfolger von Chomeini, spiritueller F\u00fchrer der Islamischen Revolution. Bilder von Chamene&#8217;I und Chomeini finden sich \u00fcberall im Land \u2013 in Gesch\u00e4ften und \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden \u2013 doch eine derartige Omnipr\u00e4senz bedeutet nicht gleichzeitig, dass ein Volk die Sichtweisen seiner obersten Rechtsgelehrten widerspruchslos mittr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Macht man seine Reiseentscheidungen lediglich davon abh\u00e4ngig, was Freunde und Verwandte sagen, wird man den Iran wahrscheinlich nie kennenlernen. Es ist ein Land deren politischer Eskapaden man nur schwer zu entkommen vermag. Doch f\u00fcr jene, welche mit Vorstellungen und Bilder aufgewachsen sind, die den Iran als d\u00fcsteres Land radikaler Fundamentalisten kennzeichnen, wird die Entdeckung des wirklichen Iran zu einer der wunderbarsten \u00dcberraschungen. Jenseits der Vorurteile findet sich ein Land, welches den tiefen Wunsch hegt, als das gesehen zu werden, was es tats\u00e4chlich ist und weniger als das, was \u00fcber News und Medien vermittelt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer Menschen mag, wird den Iran m\u00f6gen. Die Iraner, ein Volk, welches sich aus unz\u00e4hligen ethnischen Gruppen zusammensetzt und \u00fcber Jahrtausende von Griechen, Arabern, T\u00fcrken und Mongolen gepr\u00e4gt wurde, sind unendlich gastfreundlich. Menschen sprechen einen auf der Strasse an, laden zum Tee ein und sind in jeder Hinsicht hilfsbereit. Es gibt keinen Grund, sich im Iran allein gelassen zu f\u00fchlen und meine Reise durch dieses Land hat meine Sichtweise auf diesen Teil der Erde grundlegend ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Tabriz ging es nach Qazvin und auf meinem Weg fing es mal wieder an zu regnen. Ich wunderte mich noch, warum der Regen diesmal so schmerzhaft war. Doch es regnetet nicht nur. Ich kam in einen heftigen Hagelschauer und die Temparturen fielen auf f\u00fcnf Grad. Als ich an einer Tankstelle Schutz suchte, bot man mir Tee und einen Platz neben einem Heizstrahler an. Ich verbrachte eine Nacht in Qazvin und fuhr dann weiter nach Esfahan und Shiraz. Zwei St\u00e4dte, sch\u00f6n und ber\u00fcmt zugleich und reich an Menschen mit au\u00dfergew\u00f6hnlicher Gastfreundschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch davon sp\u00e4ter mehr.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Macht man seine Reiseentscheidungen lediglich davon abh\u00e4ngig, was Freunde und Verwandte sagen, wird man den Iran wahrscheinlich nie kennenlernen. Es ist ein Land deren politischer Eskapaden man nur schwer zu entkommen vermag. F\u00fcr jene, welche mit Vorstellungen und Bilder aufgewachsen sind, die den Iran als d\u00fcsteres Land radikalen Fundamentalisten kennzeichnen, wird die Entdeckung des wirklichen Iran zu einer der wunderbarsten \u00dcberraschungen. 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